AI-Startup ist das neue 'Wir haben auch eine App'
AI-Startup klingt nach Zukunft. Ist oft nur Verpackung. Warum das Label gerade inflationär missbraucht wird.
AI-Startup ist gerade das neue „Wir haben auch eine App“. Klingt nach Zukunft. Ist oft nur Verpackung. Ich sehe seit Monaten Pitches, Webseiten und LinkedIn-Profile, auf denen „AI“ ungefähr denselben Job macht wie vor zehn Jahren das Wort „App“: ein Siegel, das man aufs Produkt klebt, damit es nach Fortschritt aussieht.
Ich erinnere mich gut an die App-Welle. Restaurants wollten eine App. Friseure wollten eine App. Autohäuser, die zwei Autos pro Woche verkauft haben, wollten eine App. In 95 Prozent der Fälle hätte eine ordentliche Website vollkommen gereicht. Aber man wollte dabei sein. Die Verpackung wurde zum Ersatz fürs Produkt. Und genau das passiert jetzt wieder, nur diesmal mit einem Modell im Hintergrund.
Was ich unter einem echten KI-Produkt verstehe
Ein echtes KI-Produkt ist für mich eines, bei dem die KI den Kern der Wertschöpfung trägt. Wenn ich die KI herausnehme, bricht das Produkt zusammen, weil die Alternative entweder viel teurer, viel langsamer oder schlicht nicht machbar wäre. Ein CRM mit einem kleinen Prompt-Feld ist kein KI-Produkt. Eine Klassifikationsengine, die Millionen von Eingangsdokumenten sauber sortiert und dabei messbar besser ist als die Regeln, die das Unternehmen in fünfzehn Jahren geschrieben hat, ist eines.
Das ist eine harte Abgrenzung. Ich weiß. Sie bedeutet aber, dass die meisten „AI-Startups“, die ich gerade sehe, in Wahrheit SaaS-Firmen sind, die ein OpenAI-API-Feature eingebaut haben. Was sie verkaufen, ist nicht die KI. Was sie verkaufen, ist ein bisheriges Werkzeug mit einem Textgenerator oben drauf. Das kann trotzdem nützlich sein. Aber es rechtfertigt keine „AI-First“-Positionierung. Und vor allem rechtfertigt es keine Bewertungen, die über ihre Konkurrenz hinausgehen, nur weil zwei Buchstaben im Namen stehen.
Warum Verpackung in diesem Markt trotzdem funktioniert, vorerst
Ich verstehe, warum so viele darauf anspringen. KI ist ein extrem gut skalierendes Versprechen. „Wir automatisieren Ihren Posteingang mit KI“ öffnet Budgets, die „Wir bauen Ihnen einen besseren Regelparser“ nie öffnen würde. Gleichzeitig haben viele Einkaufsseiten gerade keine belastbaren Kriterien, um zwischen echter und oberflächlicher KI zu unterscheiden. Wenn es in einem Demo-Screen nett aussieht, reicht das oft für einen Pilot.
Das ist die Phase, in der wir gerade sind. Und sie wird nicht ewig halten. Ich erinnere wieder an die App-Welle. Vier Jahre später hat niemand mehr Geld für „wir haben auch eine App“ bekommen, weil der Markt gelernt hatte, was eine App wirklich leisten muss. Dasselbe wird mit dem AI-Label passieren. Die Frage ist nur, wie viel Budget vorher in Verpackung statt in Produkt gewandert ist.
Meine Lehre für Gründer und Einkäufer
Wer gerade ein Produkt baut, sollte sich eine nüchterne Frage stellen: Was passiert, wenn ich das Wort „AI“ aus meinem Pitch streiche? Bleibt dann ein interessantes Produkt übrig, das einen realen Schmerz löst? Wenn ja, ist alles gut. Dann kannst du das Label gern wieder draufsetzen. Wenn nein, hast du gerade festgestellt, dass dein Produkt keine Substanz hat. Das ist schmerzhaft, aber ehrlich.
Wer einkauft, sollte sich eine ähnliche Frage stellen: Welches geschäftliche Ergebnis erwarte ich von diesem Tool in sechs Monaten, unabhängig davon, welches Modell dahinter läuft? Wenn die Antwort „weniger Arbeit in Prozess X“ lautet, dann lasst euch zeigen, wie viel. In Zahlen. Mit Referenzen. Ohne Demo-Daten.
Ich sage das alles nicht, weil ich KI für einen Hype halte. Im Gegenteil. Ich arbeite selbst viel mit KI-Agenten, und ich glaube, dass sie in den nächsten Jahren einige unserer wichtigsten Werkzeuge sein werden. Gerade deshalb ärgert mich die aktuelle Label-Inflation. Sie verbrennt Vertrauen. Sie macht es seriösen Produkten schwerer, weil sie zwischen 50 Kopien verschwinden.
„AI-Startup“ ist ein nützliches Wort, wenn es stimmt. Es ist ein warnendes Wort, wenn es vor allem im Titel des Decks steht. Und wie schon bei der App-Welle gilt: Am Ende bleibt nicht das Label, sondern das Produkt. Alles andere ist nur Verpackung, und Verpackung geht bekanntlich irgendwann in den Müll.