Die IT-Branche ist toxisch und verlogen
Unsere Branche hat viele Probleme, über die niemand redet. Ein ehrlicher Blick nach innen, mit 23 Jahren Perspektive.
Die IT-Branche ist toxisch und verlogen. Denn sie hat viele Probleme, von denen keiner redet. Ich schreibe diesen Satz nicht aus Frust eines schlechten Monats. Ich schreibe ihn nach 23 Jahren in dieser Branche, mit Kunden, Partnern, Wettbewerbern und Kollegen, und ich habe lange überlegt, ob ich ihn öffentlich so stehen lasse. Ich lasse ihn stehen, weil ich glaube, dass wir uns sonst weiter selbst belügen.
Diese Branche macht nach außen einen beachtlichen Eindruck. Sie ist innovativ, wächst, zahlt gute Gehälter. Sie gehört zu den wenigen Bereichen, in denen in Deutschland noch echtes Wachstum stattfindet. Das alles ist wahr. Und gleichzeitig ist die Art, wie wir mit uns selbst und unseren Kunden umgehen, an vielen Stellen weit entfernt von dem, was wir nach außen behaupten.
Was ich mit „verlogen“ meine
Ich nenne drei Muster, die ich seit Jahren beobachte. Erstens: die systematische Überhöhung der eigenen Fähigkeiten in Pitches. Ich habe mehr Decks gesehen, in denen „Enterprise-ready“ stand, obwohl das Produkt in Wahrheit bei fünf Kunden auf einer VM lief. Ich habe mehr Sätze wie „wir sind AWS-zertifiziert“ gehört, hinter denen ein Einzelner mit einer abgelaufenen Prüfung stand. Die Branche weiß das voneinander und spielt mit. Das ist kein Kavaliersdelikt, das ist eine Kultur der kollektiven Schönrednerei.
Zweitens: die Rechnung-um-jeden-Preis-Haltung in der Beratung. Es gibt viele gute Berater. Ich arbeite mit einigen von ihnen. Aber es gibt auch ein stilles Einverständnis in Teilen der Branche, Projekte künstlich zu verlängern, Scope zu überladen, Prozesse zu komplizieren, damit aus einem Drei-Monats-Projekt ein Drei-Jahres-Vertrag wird. Das ist kein Einzelfall. Das ist ein Geschäftsmodell. Und es wird intern nicht kritisiert, weil alle davon leben.
Drittens: die ungesagte Annahme, dass der Kunde sowieso nichts versteht. Ich habe in Kundenterminen gesessen, in denen Kollegen anderer Häuser Dinge erklärt haben, die fachlich falsch waren, aber intelligent klangen. Der Kunde hat genickt, weil er es nicht besser wusste. Nach dem Termin wurde im Auto gelacht. Das ist der Teil, der mich wirklich stört. Nicht der Fehler. Das Lachen.
Was ich mit „toxisch“ meine
Auf der Arbeitnehmer-Seite gibt es eigene Muster. Ich rede mit jungen Entwicklern, die zum dritten Mal Burn-Out haben, weil sie in Projekten gelandet sind, in denen Überstunden nicht die Ausnahme, sondern der Takt sind. Ich rede mit erfahrenen Kolleginnen, die an Männerrunden-Architekturdebatten vorbeiarbeiten mussten, nicht wegen schlechter Arbeit, sondern weil ihnen niemand zugehört hat. Ich rede mit Senior-Leuten, die feststellen, dass ihr Fachwissen in der neuen Konzernstruktur weniger wert ist als die Fähigkeit, Teams-Meetings zu moderieren.
Ich romantisiere weder Arbeitnehmer noch Arbeitgeber. Beide Seiten tragen zu dieser Kultur bei. Aber wer behauptet, die Branche sei „im Grunde fair und leistungsorientiert“, ignoriert eine Menge Realität. Leistung ist ein Faktor. Netzwerk ist ein Faktor. Selbstvermarktung ist oft der größte.
Warum ich trotzdem bleibe
Dieser Text klingt negativ, und das soll er an dieser Stelle auch. Aber er ist nicht das Ende meiner Geschichte. Ich bin in dieser Branche, weil sie trotz allem das beste Handwerk ist, das ich kenne. Weil wir Dinge bauen, die Menschen helfen. Weil es gute Leute gibt, viele gute Leute, die ihr Handwerk ernst nehmen, Kunden ehrlich beraten und nicht lachen, wenn der Kunde eine technische Frage falsch formuliert.
Mein eigener Umgang mit dieser Diskrepanz ist ziemlich pragmatisch. Ich habe mein Unternehmen so gebaut, dass es sich diese Muster nicht leisten muss. Wir sagen Kunden ab, wenn wir merken, dass das Projekt ihnen nicht hilft. Wir schreiben Angebote, in denen auch steht, was wir nicht machen. Wir beenden Gespräche, wenn wir merken, dass jemand nur nach einem Lieferanten für schlechte Entscheidungen sucht. Das reduziert unseren adressierbaren Markt. Es erhöht den Anteil an Arbeit, auf die ich stolz bin.
Wer diesen Text als Pauschalurteil liest, hat mich missverstanden. Ich spreche nicht über „die anderen“. Ich spreche über uns, als Branche, und ich schließe mich selbst ein. Ich habe Jahre gebraucht, um zu verstehen, wann ich bei bestimmten Mustern mitgemacht habe, ohne es zu merken. Der ehrliche Teil fängt da an, wo ich aufhöre, die Schuld für den Zustand der Branche nur bei den Großen, nur bei den Billigen, nur bei den Konzernen zu suchen.
Die IT-Branche könnte besser sein. Wir, die in ihr arbeiten, entscheiden jeden Tag mit, wie toxisch oder wie gesund sie ist. Das ist keine Moralpredigt. Das ist eine Liste von Mikroentscheidungen: welchem Pitch du widersprichst, welchen Kunden du ehrlich beantwortest, wen du in dein Team holst, welche Kultur du duldest. In Summe macht das die Branche aus, nicht die Keynote-Zitate auf LinkedIn.