„Gleich“ ist kein Zeitpunkt

„Gleich“ ist kein Zeitpunkt. Es ist ein Warnsignal für Chaos und fehlenden Respekt vor Zeit. Warum mich dieses Wort so zuverlässig nervt.

„Gleich“ ist kein Zeitpunkt. Es ist ein Warnsignal für Chaos und fehlenden Respekt vor Zeit. Ich hasse diese Antwort. Und ich weiß, dass ich damit einigen Leuten auf die Füße trete, also lass mich erklären, warum. Ich rede nicht über den alltäglichen Sprachgebrauch. Wenn jemand im Haus „gleich“ sagt und damit in den nächsten fünf Minuten etwas tut, ist das völlig in Ordnung. Ich rede über die Variante von „gleich“, die in beruflichen und familiären Kontexten verwendet wird, um sich nicht festlegen zu müssen. Die, bei der „gleich“ bedeutet: „Irgendwann. Vielleicht. Frag nicht nochmal nach.“

Diese Variante ist in meinen Augen eines der subtilsten Anzeichen, dass in einem Team oder einer Familie die Zeit der Einzelnen nicht ernst genommen wird. Und ich habe in meinem Leben zu viele Situationen erlebt, in denen genau dieses „gleich“ am Ende teuer geworden ist, für alle Beteiligten.

Was hinter dem Wort steckt

Wer „gleich“ sagt, sagt in Wahrheit mehrere Dinge. Er sagt: „Ich habe dich gehört, aber ich will oder kann mich gerade nicht festlegen.“ Er sagt: „Ich habe andere Prioritäten, die ich dir nicht nenne.“ Er sagt: „Ich hoffe, du fragst nicht nach, weil mir ein konkreter Zeitpunkt gerade unangenehm wäre.“ Das kann okay sein, solange alle Beteiligten das verstehen. Es ist selten okay, wenn es zur Gewohnheit wird.

Im Team sehe ich oft eine Kette: Ein Entwickler sagt „gleich“, weil er mit einem anderen Ticket beschäftigt ist. Der Product Owner fragt nach, bekommt „gleich“, plant darauf. Der Kunde fragt wieder, bekommt vom PO eine Version dieses „gleich“, plant wieder darauf. Am Ende der Kette steht ein konkreter Termin, der auf einer Kette von Vagheit aufgebaut ist. Wenn dann ein Glied reißt, ist das Chaos programmiert. Nicht weil jemand absichtlich gelogen hat. Sondern weil „gleich“ nie eine klare Aussage war.

In der Familie wirkt es noch stärker

Mit Kindern und in Pflege-Situationen ist dieses Wort besonders schädlich. Kinder haben kein Zeitgefühl im Erwachsenensinn. Sie hören nicht „ich komme in zehn Minuten“. Sie hören „ich komme jetzt“ und warten. Je öfter „gleich“ kommt und das, was danach passiert, nicht mit dem erwarteten Jetzt übereinstimmt, desto weniger glauben sie das Wort. Desto mehr lernen sie, Zusagen grundsätzlich zu misstrauen. Wer kleine Kinder hat, kennt den Moment, in dem ein Vierjähriger die Augen rollt, weil er „gleich“ schon dreimal gehört hat.

Im Pflege-Alltag, den ich bei uns zu Hause kenne, potenziert sich das. Ein Kind, das auf eine Medikamenten-Gabe, auf eine bestimmte Therapie oder auf Unterstützung bei einer einfachen Handlung wartet, braucht verlässliche Zeitangaben, sonst wird Wartezeit zu Angst. „Gleich“ ist in diesem Kontext nicht schlampig, sondern grausam. Ich habe das bei uns und bei anderen Familien erlebt. Es ist kein Sprachspiel. Es sind reale Emotionen, die durch unpräzise Kommunikation unnötig wachsen.

Was ich stattdessen von mir selbst erwarte

Seit ich darüber bewusst nachdenke, habe ich mir angewöhnt, „gleich“ aus meinem Vokabular zu streichen, wenn ich konkret sein kann. „In 15 Minuten“ ist präziser. „Nach diesem Meeting, ca. 14:20 Uhr“ ist präziser. „Heute nicht mehr, morgen um 9 Uhr“ ist noch präziser. Und wenn ich wirklich nicht weiß, wann, sage ich lieber: „Ich weiß es noch nicht, ich melde mich spätestens heute Abend.“ Das ist keine Zaubersprache. Das ist einfach Respekt.

Der Nebeneffekt ist bemerkenswert. Menschen beginnen, sich an meiner Zeit zu orientieren. Sie planen nicht in der Grauzone „gleich“, sondern in Zeitfenstern. Sie gehen mit ihrer eigenen Zeit bewusster um, weil sie merken, dass ich es auch tue. In meinem Team hat das eine Kultur etabliert, in der vage Zusagen nicht respektlos gemeint, aber klar thematisiert werden. „Du hast gleich gesagt, was heißt das konkret?“ ist keine Provokation, sondern ein Tool.

Warum mich dieses kleine Wort so beschäftigt

Man könnte fragen: Ist das nicht Pedanterie? Gibt es nicht Wichtigeres, worüber man sich aufregen kann? Ich verstehe die Frage. Und trotzdem: Genau solche kleinen Wörter machen den Ton eines Alltags aus. Niemand wird arbeitsunfähig, weil er ein einzelnes „gleich“ gehört hat. Aber Organisationen und Familien, in denen „gleich“ zum Standard geworden ist, fühlen sich anders an als solche, in denen man weiß, woran man ist. Sie sind nervöser. Sie haben weniger Energie für das Wichtige. Sie verbrennen Vertrauen auf niedriger Flamme, jeden Tag ein bisschen.

Ich habe keine Lust, so zu leben. Beruflich nicht. Privat erst recht nicht. Wenn ich mit jemandem arbeite, merke ich an wenigen Worten, wie ernst diese Person mit der Zeit anderer umgeht. „Gleich“ ist eines dieser Worte. Es sagt sehr viel, obwohl es so tut, als sage es wenig. Deshalb hasse ich es, und deshalb schreibe ich darüber.