Der KI-Hype nervt – vor allem, wenn einfache Features fehlen

Jedes Tool bekommt ein KI-Label, aber der CSV-Export ist kaputt. Warum mich das nervt – und was Software-Anbieter daraus lernen sollten.

Der KI-Hype nervt. Vor allem, wenn einfache Features fehlen. Ich sehe es jeden Tag, in fast jedem Tool, das ich beruflich nutze: „Jetzt mit KI!" – und gleichzeitig funktioniert mein Export nicht, die Schnittstelle hakelt, oder eine kaputte Filterlogik kostet mich zehn Minuten, die ich in den letzten drei Jahren jeden Montag wieder verliere. Das ist nicht nur nervig, das ist respektlos gegenüber den Menschen, die mit der Software arbeiten sollen.

Ein Beispiel, das in jedem CRM steckt

Ich habe in den letzten Monaten drei CRM-Systeme für verschiedene Zwecke bewertet. Jedes einzelne wirbt prominent mit KI-gestützter Textgenerierung. Man kann E-Mails formulieren lassen, Zusammenfassungen erzeugen, Stimmungen analysieren. Ganz nett. Ich würde das nicht missen, wenn es verschwinden würde, aber es ist halt da.

Was keines dieser drei Systeme vernünftig kann: einen klassischen Daten-Import. CSV rein, Mapping machen, fertig. Eigentlich das erste, was ein CRM können müsste. In einem der Tools musste ich die Spaltennamen in einer bestimmten Reihenfolge liefern, in einem anderen gab es keine Vorschau, im dritten wurden Umlaute zerhackt, und die Antwort aus dem Support war: „Das ist auf der Roadmap." Seit Monaten.

Auf der Roadmap stehen auch vierzehn KI-Features, die ich nicht gebraucht habe.

Das Grundproblem: falsche Priorisierung

Ich habe großen Respekt vor KI. Ich baue selbst Produkte, in denen KI eine sinnvolle Rolle spielt. Aber ich sehe gerade sehr viele Teams, die KI-Features bauen, weil Investoren das gut finden und weil Produkt-Demos mit KI hübsch aussehen. Das eigentliche Produkt – das, wofür Kunden die Software ursprünglich gekauft haben – wird dabei nicht besser, sondern schlechter. Weil jede Entwickler-Stunde, die in „Schreib mir eine E-Mail"-Buttons fließt, nicht mehr in den CSV-Import fließt.

Das Ergebnis ist ein sehr absurder Zustand. Tools, die eine Antwort für Fragen geben können, die man nur selten stellt. Tools, die gleichzeitig an der trivialsten Funktion scheitern, die man jeden Tag braucht.

Ich kenne die Wirtschaftslogik dahinter. KI ist gut fürs Pricing. Man kann KI-Features als neues Paket verkaufen. Man kann sie in Keynotes zeigen. Ein zuverlässiger Import ist schwer zu vermarkten. Er ist nur das, was ein erwachsenes Produkt einfach haben muss.

Was ich gelernt habe

Ich bewerte Software inzwischen anders. Ich schaue zuerst auf die Grundfunktionen. Exporte, Importe, Backup, Suche, API. Wenn die Basis sauber ist, ist alles andere ein Bonus. Wenn die Basis wackelt, ist der schönste KI-Knopf nur ein hübsches Poster vor einer baufälligen Fassade.

Das führt dazu, dass ich zunehmend weniger große, lautstarke Anbieter wähle und mehr kleinere, ruhigere Produkte. Dort steckt oft mehr echte Produktarbeit als in den hochbelichteten Startups, die gerade die Timeline fluten. Nicht immer, aber oft genug, dass es ein Muster ist.

Was ich Software-Anbietern rate

Wenn ich heute Produkt-Verantwortung hätte, würde ich ein sehr unmodernes Quartal einlegen. Kein neues KI-Feature, nichts. Stattdessen würde ich zwanzig Tickets aus dem Backlog holen, die Kunden seit Jahren quälen. Das fehlende Filter-Feld in der Liste. Den Import, der seit V1 schlecht ist. Die Fehlermeldung, die keiner versteht. Die Suche, die Umlaute nicht findet.

Ich würde das drei Monate durchziehen und am Ende ein Changelog veröffentlichen, das ehrlich sagt: „Wir haben in diesem Quartal keine neuen Schlagzeilen produziert. Wir haben stattdessen das Produkt gehoben, das ihr benutzt." Ich garantiere, dass die NPS-Werte dieses Quartal besser wären als alle KI-Quartale davor.

Mein persönliches Fazit

KI ist eine ernsthafte Technologie, und sie wird Software nachhaltig verändern. Genau deshalb ärgert mich dieser Hype so sehr. Er verdeckt, was KI wirklich leisten kann, weil er das Etikett überall draufpappt, wo gerade kein besseres Marketing hinpasst. Wer heute ein solides Produkt baut und KI dort einsetzt, wo sie echten Nutzen bringt, gewinnt. Wer sich vom Hype treiben lässt und Basisfunktionen ignoriert, wird in zwei Jahren das Nachsehen haben. Die Rechnung macht der Markt auf, und sie ist am Ende ziemlich nüchtern.

Ich bleibe geduldig. Aber ich bin nicht blind.

Fragen, die ich oft dazu höre

Ein paar Dinge, die Leserinnen und Leser mich zu diesem Thema regelmäßig fragen.

Was würdest du einem Produktteam heute konkret empfehlen?+

Ein Quartal ohne neue Schlagzeilen. Backlog-Tickets abarbeiten, die Kunden seit Jahren quälen. Das ist nicht sexy, aber es ist das, was langfristig trägt – und wir dürften uns wundern, wie gut das Feedback wird.

Ist das nicht einfach konservativ gedacht?+

Vielleicht. Aber ich habe oft gesehen, wie Teams von einem neuen, bunten Tool zum nächsten wechseln und jedes Mal neue Datenlöcher schließen müssen. Ein ruhiges Produkt, das seit Jahren funktioniert, ist mir lieber als eines, das jede Woche ein neues KI-Demo hat.

Hast du einen Tipp, worauf man bei CRM-Systemen achten sollte?+

Aktuell nutze ich bewusst eher ruhige, etwas ältere Anbieter. Wichtiger als die Feature-Liste ist die Frage: funktioniert Datenbewegung rein und raus zuverlässig? Wenn ja, ist alles andere erweiterbar. Wenn nein, steckt man fest.

Wie prüfst du konkret, ob ein Produkt solide ist?+

Ich mache das so: ich teste Import, Export, Suche, API und Backup mit echten Daten – nicht mit Demo-Datensätzen. Erst danach schaue ich auf die hübschen Features. Wenn ein Anbieter die Basis nicht sauber liefert, spare ich mir den Rest.

Bist du generell gegen KI-Features in Software?+

Nein, im Gegenteil. Ich baue selbst Produkte mit KI. Mein Punkt ist nur: KI ersetzt nicht die Grundfunktionen. Ein kaputter Import wird nicht besser, weil daneben ein „Zusammenfassen"-Knopf steht.

Ich hör gern zu.

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