Lieber Automatisierungen als Menschen
Klingt hart, ist aber so: Ich arbeite lieber mit Automatisierungen als mit Menschen. Warum, liegt weniger an den Menschen als an der Zeit.
Ich arbeite lieber mit Automatisierungen als mit Menschen. Klingt hart, ist aber so. Gerade, wenn deine Zeit begrenzt ist und du gleichzeitig Unternehmer, pflegender Elternteil und Mensch bleiben willst. Wer sich jetzt denkt, das sei eine misanthrope Haltung, hat nicht verstanden, was ich damit meine. Es ist genau das Gegenteil. Es ist eine Entscheidung für die Menschen, mit denen ich wirklich Zeit verbringen will.
Mein Tag hat, wie jeder Tag, 24 Stunden. Davon gehen für Pflege, Familie, Schlaf und ein paar Grundbedürfnisse rund 15 Stunden weg. Bleiben 9 Stunden für zwei Unternehmen, Kundentermine, Weiterbildung, Strategie, Administration, Podcast, Schreiben, Pausen. Rechnet man ehrlich, sind das 9 Stunden für ungefähr 20 Stunden Arbeit, die ich eigentlich hätte. Dieser Rechenfehler lässt sich nicht durch Motivation ausgleichen. Man kann ihn nur durch bessere Entscheidungen ausgleichen. Eine dieser Entscheidungen heißt: Automatisiere, was sich automatisieren lässt, und lass Menschen die Arbeit machen, die nur Menschen machen können.
Was Automatisierung bei mir wirklich heißt
Ich rede nicht von einem IFTTT-Setup oder einem schicken Zapier-Board. Automatisierung in meinem Alltag heißt: Rechnungsstellung, Buchhaltung-Vorbereitung, DSGVO-relevante Prozesse, Lead-Aufnahme, Infrastruktur-Monitoring, wiederkehrende Security-Scans, Content-Veröffentlichung über mehrere Kanäle, Backup-Prüfungen, Reporting an meinen Steuerberater. All das ist Arbeit, für die ich früher Menschen gebraucht habe oder selbst Stunden investiert habe. All das ist heute in Scripts, Pipelines, Workflows, kleinen KI-Agenten abgebildet.
Das klingt mehr, als es ist. In Wahrheit ist das eine Sammlung eher unspektakulärer kleiner Helfer, die seit Jahren ihren Dienst tun. Sie werden selten größer. Sie werden gelegentlich überarbeitet. Aber sie sind da, sie sind zuverlässig, und sie schicken mir nur dann eine Nachricht, wenn ich wirklich etwas entscheiden muss. Das ist der wichtigste Teil. Eine gute Automatisierung respektiert meine Aufmerksamkeit.
Warum Menschen im Vergleich teuer sind, und zwar berechtigt
Menschen sind teuer, nicht weil sie viel kosten, sondern weil sie viel kosten sollten. Ein Gespräch mit einem Kunden, einem Kollegen, einer Freundin ist nicht beiläufig. Es verdient meine volle Anwesenheit. Ich kann nicht halb mit jemandem sprechen, während ich im Kopf noch ein Backup überwache. Wenn ich das tue, verlieren beide: ich und die Person am anderen Ende. Deshalb versuche ich, aus meinem Alltag alles zu entfernen, was Menschen nicht brauchen, damit ich den Rest umso aufrichtiger mit ihnen teilen kann.
Ironischerweise bekomme ich auf diese Haltung gelegentlich Kritik. „Du bist zu effizient, das ist unmenschlich.“ Ich habe lange versucht, diese Kritik ernst zu nehmen. Inzwischen nehme ich sie nicht mehr ernst. Ich kenne die Menschen, die mir das sagen, selten wirklich. Die Menschen, mit denen ich wirklich arbeite, familiär wie beruflich, berichten das Gegenteil: Sie merken, dass ich, wenn ich da bin, wirklich da bin. Dass Termine mit mir vorbereitet und wertig sind. Dass ich zurückschreibe, wenn etwas zurückgeschrieben werden muss. Dass ich in Krisen ansprechbar bin. Das ist die menschliche Währung, die mich interessiert. Sie zu schützen kostet Automatisierung.
Der Sonderfall: pflegende Eltern
Für pflegende Eltern gilt diese Logik noch ein Stück härter. Wer neben einem krankhaft engen Zeitfenster noch ein Unternehmen führt oder überhaupt einem Beruf nachgeht, kann sich menschliche Beliebigkeit nicht leisten. Ich meine damit nicht unhöfliche Kunden oder chaotische Kollegen. Ich meine: jede Form von Arbeit, die „irgendwann mal“ jemand erledigt, die „per Mail abgestimmt“ wird, die „dann schauen wir mal“ heißt. Das geht in solchen Lebenssituationen nicht. Es verbrennt Energie, die zu Hause fehlt.
Ich habe deshalb Prozesse, die in anderen Unternehmen verhandelt werden, bei mir als klare Regel. Anfragen laufen durch ein Formular. Rechnungen werden automatisch verschickt. Termine werden gebucht, nicht gemailt. Kein Mensch muss das tun. Jeder Mensch gewinnt dabei, auch die auf der anderen Seite, weil sie nicht drei Wochen auf eine Bestätigung warten.
Meine Haltung, verdichtet
Ich arbeite lieber mit Automatisierungen als mit Menschen, wenn es um repetitive Arbeit geht. Und ich arbeite lieber mit Menschen als mit Automatisierungen, wenn es um echte Zusammenarbeit geht. Was mich nervt, ist nicht die Person am anderen Ende. Was mich nervt, ist, wenn eine Person Dinge tut, die eine Maschine besser machen würde, und dafür Zeit beansprucht, die woanders viel wichtiger wäre.
Wer diesen Satz zynisch findet, hat selten ein Kind, das nachts wach wird, weil es Schmerzen hat. Wer ihn pragmatisch findet, kennt vermutlich das Gefühl, am Ende eines Tages festzustellen, dass man acht Stunden „gearbeitet“ hat, ohne eine einzige echte Entscheidung getroffen zu haben. Automatisierung, gut gemacht, gibt dir diese Entscheidungen zurück. Das ist für mich nicht unmenschlich. Das ist, was Technik am besten kann.