Tag der pflegenden Eltern: Warum Sichtbarkeit der erste Schritt ist
Am 24. Oktober 2025 gab es erstmals den Tag der pflegenden Eltern. Warum dieser Tag wichtig ist – aus der Sicht eines Vaters, der selbst pflegt.
Der 24. Oktober 2025 war der erste bundesweite „Tag der pflegenden Eltern“. Ich habe lange überlegt, ob ich dazu etwas schreiben soll, oder ob ich den Tag einfach für mich und meine Familie nehme. Ich habe mich fürs Schreiben entschieden. Weil es bei diesem Tag genau darum geht: Sichtbarkeit. Nichts anderes.
Was dieser Tag nicht ist
Dieser Tag ist kein Feiertag. Er ist keine Einladung zu Mitleid. Er ist auch kein Vehikel, um Spenden einzusammeln oder Politik zu machen. Zumindest nicht für mich. Für mich ist dieser Tag ein Moment, in dem ich als Elternteil, der pflegt, kurz aus der Tarnung komme. Weil pflegende Eltern in Deutschland sehr gut getarnt sind.
Wir funktionieren. Wir bringen unsere Kinder zur Therapie, zur Klinik, zum Reha-Zentrum. Wir telefonieren mit Krankenkassen, die unsere Belege verlieren. Wir beantragen Dinge, die längst bewilligt sein sollten. Wir arbeiten nebenbei, manche in Vollzeit, manche selbstständig. Wir sind müde, und wir reden selten darüber. Nicht, weil wir nicht könnten. Sondern weil die Zeit knapp ist und weil das Leben weiterläuft.
Und weil Mitleid nicht hilft. Was hilft, ist Verstehen.
Warum Sichtbarkeit kein Luxus ist
Wer nicht weiß, dass es Menschen wie uns gibt, kann auch keine Strukturen schaffen, die zu uns passen. Ich sehe das im Arbeitsleben, in Schulen, in Ämtern, in der Politik. Pflegende Eltern werden häufig mit der klassischen Pflegesituation älterer Angehöriger in einen Topf geworfen. Das sind aber zwei sehr unterschiedliche Realitäten.
Wenn ich mein Kind pflege, dann tue ich das oft über Jahre, manchmal Jahrzehnte. Ich wechsle nicht in eine „Pflegephase“ am Ende eines Lebens. Ich lebe gleichzeitig Familie, Beruf, Therapieplanung, Schulbegleitung, Medikamentenmanagement, Klinikaufenthalte, und dazwischen versuche ich, ein einigermaßen normales Familienleben zu organisieren. Das ist nicht mehr und nicht weniger als Alltag. Aber es ist ein anderer Alltag.
Genau deshalb braucht es einen Tag, der das benennt. Nicht, um jammernd in der Ecke zu stehen. Sondern um in Personalabteilungen, Schulen, Verwaltungen und Gesetzestexten überhaupt erstmal aufzutauchen. Man kann keine Probleme lösen, die man nicht kennt.
Was ich mir wünsche
Ich wünsche mir nicht, dass an diesem Tag Organisationen Kampagnen starten, die am 25. Oktober wieder vorbei sind. Ich wünsche mir kleinere, leisere Dinge. Dass ein Arbeitgeber einem Mitarbeitenden zuhört, wenn der sagt: „Ich habe gerade ein Kind in der Klinik.“ Dass eine Lehrkraft versteht, warum die Hausaufgaben manchmal hinten herunterfallen. Dass eine Sachbearbeiterin in einer Behörde einmal weniger fragt, „Haben Sie das auch in dreifacher Ausfertigung?“.
Ich wünsche mir, dass pflegende Eltern in Krankenkassen-Systemen nicht länger wie ein Sonderfall behandelt werden, sondern als die Versorgerinnen und Versorger, die sie de facto sind. Dass Anträge schneller gehen. Dass Leistungen, die bewilligt sind, auch tatsächlich ankommen. Dass niemand jedes Jahr aufs Neue beweisen muss, dass sich die Grunderkrankung des eigenen Kindes nicht plötzlich in Luft aufgelöst hat.
Mein persönliches Fazit
Für mich ist der Tag der pflegenden Eltern ein stiller Tag. Ich laufe nicht mit Schildern durch Düsseldorf. Ich poste keine Herz-Grafik. Ich schreibe einen Text, weil Worte manchmal das Einzige sind, was bleibt, wenn man in einem System lebt, in dem vieles nicht bleibt.
Wenn du selbst pflegender Elternteil bist: Du bist nicht allein. Auch wenn dein Alltag sich genau so anfühlt. Wenn du es nicht bist, aber jemanden kennst: Frag einfach mal, wie es geht. Nicht beiläufig. Sondern so, dass eine ehrliche Antwort Platz hätte.
Das ist der ganze Sinn dieses Tages. Nicht Show, nicht Symbolpolitik, sondern eine Einladung zum Hinsehen. Und Hinsehen ist der erste Schritt zu besseren Strukturen. Das habe ich in meinem Leben in sehr vielen Kontexten gelernt – als Vater, als Unternehmer, als Mensch.
Der nächste 24. Oktober kommt bestimmt. Vielleicht sind wir bis dahin ein paar kleine Schritte weiter. Das wäre schon viel.