Wann werde ich X?
Wer ständig fragt, wann er etwas wird, ist selten bereit dafür. Eine unpopuläre Beobachtung aus 23 Jahren Selbstständigkeit.
Wer ständig fragt „Wann werde ich X?“, ist selten bereit für X. Ich habe als Unternehmer zu lange auf solche Sätze gehört. Am Anfang habe ich daran geglaubt, dass eine klare Roadmap, ein 90-Tage-Plan oder ein ehrliches Karrieregespräch den Unterschied macht. Ich glaube es nicht mehr.
Was ich stattdessen in den letzten Jahren gesehen habe: Die Menschen, die „X“ werden, fragen nicht, wann sie es werden. Sie tun Dinge, die zu „X“ gehören, bevor jemand ihnen diese Rolle zuweist. Sie übernehmen den Kundentermin, ohne Rücksprache. Sie schreiben die Doku, obwohl sie nicht in ihrem Ticket steht. Sie halten das Meeting an, wenn klar ist, dass es in die falsche Richtung läuft. Das alles passiert, ohne dass sie vorher fragen, ob sie das dürfen.
Die Rollenfrage verschleiert die eigentliche Frage
„Wann werde ich Senior?“ „Wann bekomme ich Teamverantwortung?“ „Wann werde ich Partner?“ Diese Fragen wirken produktiv, weil sie konkret klingen. In Wahrheit sind sie ein Schutzschild. Sie verschieben die Verantwortung für das eigene Handeln auf jemand anderen: den Chef, den Mentor, die Kalenderuhr.
Ich habe in unserer Branche sehr viele Leute gesehen, die nach zehn Jahren Team-Mitgliedschaft noch immer darauf warteten, dass jemand sie „zum Senior macht“. Sie hatten technisches Wissen, sie hatten Erfahrung. Was sie nicht hatten, war die Bereitschaft, ohne Erlaubnis zu handeln. Und genau das ist das, was Seniorität ausmacht. Nicht die Anzahl der Jahre, nicht das Gehalt, sondern die Frage, ob du auch ohne Rückendeckung den richtigen Schritt gehst.
Eine verwandte Version dieser Frage lautet: „Wann werde ich endlich so gesehen, wie ich mich sehe?“ Ich kann die Frage verstehen. Ich habe sie mir selbst gestellt. Aber sie hilft selten weiter. Was hilft, ist, zu liefern, bevor der Titel da ist. Und dann, irgendwann, bemerkt das Umfeld nicht, dass sich etwas ändern sollte, sondern dass sich längst etwas geändert hat.
Wer einfach macht, fällt zuerst auf
Ich habe angefangen, in meinem eigenen Umfeld genauer hinzusehen, wer fragt und wer einfach macht. Das ist kein Moralurteil, sondern eine Hilfe bei der Auswahl, mit wem ich zusammenarbeite. Leute, die fragen, wann sie X werden, brauchen oft externe Validierung, bevor sie einen Schritt tun. Das ist kein moralisches Problem, aber ein praktisches. Ich kann mir in meinem Unternehmeralltag nicht leisten, Menschen ständig zu versichern, dass sie etwas dürfen, was sie sowieso tun sollten.
Leute, die einfach machen, haben auch Fragen. Aber diese Fragen sind anders. Sie klingen nach: „Ich habe X versucht, dabei ist Y passiert, ich schlage Z vor.“ Oder: „Ich würde morgen mit dem Kunden direkt sprechen, bist du einverstanden?“ Das ist ein anderer Ton. Darin steckt nicht die Bitte um Erlaubnis, sondern die Einladung zum Sparring. Und diese Einladung ist das Signal, auf das ich reagiere.
Meine eigene Lehre
Ich bin in dieser Frage nicht neutral. Ich war selbst lange derjenige, der gewartet hat. Auf einen Titel. Auf eine Chance. Auf einen Menschen, der mir die Erlaubnis gibt, das zu tun, was ich sowieso tun wollte. Die Wahrheit ist: Niemand gibt sie dir. Nicht weil die Menschen böse sind, sondern weil sie mit sich selbst beschäftigt sind. Wer wartet, wartet oft in einem leeren Raum.
Seit ich das weiß, arbeite ich anders. Ich frage in meinen Sessions, in Podcast-Gesprächen und in Kundenprojekten nicht mehr „wann wirst du X?“, sondern „was würdest du tun, wenn dich niemand bremst?“. Die Antworten darauf sind meist konkret, handhabbar und in zwei Wochen umsetzbar. Die Antworten auf die Rollen-Frage sind das selten.
Das ist keine Härte gegenüber Zweifelnden. Ich zweifle selbst genug. Aber ich habe gelernt, dass der ehrlichste Dienst, den ich jemandem erweisen kann, oft darin besteht, seine Frage nicht zu beantworten, sondern sie umzudrehen. Nicht „wann werde ich X?“, sondern „was hindert dich gerade daran, wie X zu handeln?“. Wer darauf eine ehrliche Antwort hat, ist meistens schon auf dem Weg.